Hochwassereinsatz in Dresden


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Einsatzdetails
Einsatznummer: 21/02
Einsatzdatum: Sonntag, 18. August 2002 bis Montag, 19. August 2002
Alarmuhrzeit: 5.00 Uhr
Einsatzdauer: etwa 1 Tage
Einsatzort: Dresden
Schadensereigenis: Hochwasser/Katastropheneinsatz (THL groß)
eingesetzte
Feuerwehren**:
FF Baiersdorf
FF Buckenhof (MZF, LF 16-TS)
FF Heroldsberg
FF Herzogenaurach
eingesetzte
Kräfte*:
FF Buckenhof: 9 Mann
zusätzliche
Stellen:
Diverse
Einsatzende: 23.30 Uhr
  *) nur für FF Buckenhof verfügbar
**) des Landkreises Erlangen-Höchstadt


Einsatzbeschreibung
Der erste "Alarm" (Anruf des Kreisbrandrates) ging am Freitag, 16.08.02, gegen 17.30 Uhr beim 1. Kommandanten der FF Buckenhof ein. Es sollte umgehend eine Gruppe von 9 Personen zusammengerufen werden, die zirka eine halbe Stunde später einsatzbereit sein sollte, um nach Dresden aufzubrechen.
Schnell waren sogar zehn Mann gefunden und das Fahrzeug (LF 16-TS) wurde startklar gemacht. Die Abfahrt fand dann jedoch nicht mehr am Abend statt, sondern die Mannschaft sollte sich lediglich "bereit halten". Erst am Samstag, 17.08.02, wurde dann die neue Startzeit bekannt gegeben: Sonntag früh um 6 Uhr mit Treff an der Nürnberger Wache 4.
Am Sonntag, 18.08.02, gegen 5 Uhr war dann Abfahrt für die neun Feuerwehr-Dienstleistenden aus Buckenhof. Zunächst ging es mit dem Löschgruppenfahrzeug (LF 16-TS) und, wegen des Gepäcks, zusätzlich mit dem Mehrzweckfahrzeug (MZF) nach Nürnberg zur Wache 4 an den Hafen, wo sich alle "alarmierten" Feuerwehren des Bezirks Mittelfranken trafen. Von hier aus begab sich um 7 Uhr der erste Konvoi mit 20 Fahrzeugen Richtung Dresden. Um 7.10 Uhr folgte auch der zweite Konvoi mit nochmals 23 Fahrzeugen, unter anderem den beiden Buckenhofer Wagen, wobei unser MZF die Gruppe anführte.
Einen größeren Zwischenhalt gab es im Vogtland, wo die Feuerwehrler ein Frühstück bekamen und die Fahrzeuge aufgetankt wurden. Gegen Mittag erreichten die zwei Konvois schließlich das Katastrophengebiet um Dresden. Hier wurden die Feuerwehren aus Mittelfranken von der Bevölkerung freudig in Empfang genommen: Auf Brücken standen die Leute und winkten den vorbeifahrenden Fahrzeugen, viele Autofahrer hupten als Willkommensgruß beim Passieren der Feuerwehrkonvois.
In Dresden wurden zunächst die Fahrzeuge an einer Autobahntankstelle erneut betankt, bevor sie zum Bereitstellungsraum am Globusmarkt (unterhalb des Dresdner Flughafens) gelotst wurden. Dort befand sich bereits die Einsatzleitung aus Nürnberg, die unter anderem die Koordination der mittelfränkischen Feuerwehrkräfte übernahm. Die Verpflegung war durch die Sanitätsgruppe Bautzen bestens gewährleistet, ebenso durch Privatleute, die immer wieder Kaffee, Kuchen und andere Verköstigungen vorbeibrachten. Am Sonntag gab es weiter nichts mehr zu tun. Wenn überhaupt, wurden nur vereinzelt Einsatzkräfte für diverse "Kleinigkeiten" benötigt. Zwischen dem Warten auf Befehle, gab es unzählige Besprechungen. Die Buckenhofer nutzten diese Zeit, um sich aus herumliegendem Schalungsmaterial einer Baufirma ein provisorisches Nachtlager zu errichten.
Auch am Montag, 19.08.02, gab es außer Kleineinsätzen und Besprechungen nichts Neues für die vielen - vormals hoch motivierten - mittelfränkischen Helfer. Insgesamt waren für 252 Feuerwehr-Dienstleistende 33 Einsätze zu verzeichnen, bei denen es sich vorwiegend um Krankentransporte, Aggregat-Bereitstellungen oder um Sandsacktransporte handelte. Bereits am Montagnachmittag zeichnete sich ab, dass es wohl bald wieder heimwärts gehen würde, weshalb die Fahrzeuge wieder startklar gemacht wurden.
Der endgültige Abmarschbefehl gen Heimat kam dann tatsächlich noch am Montag um 19 Uhr. So machten sich die Feuerwehrler schließlich wieder Richtung Franken auf - enttäuscht, kaum Hilfe geleistet zu haben. Das Frustrierendste an diesem Einsatz war, dass sie von Leuten angefleht worden sind, doch bitte zu bleiben. Ein vermeintlicher Rechtsanwalt drohte sogar mit gerichtlichen Konsequenzen, wenn die Feuerwehrleute nicht bleiben und helfen würden. Gerne hätten sie das auch getan, doch die Verantwortlichen aus Sachsen gaben ihnen keine Möglichkeit dazu und eigenmächtiges Handeln war ihnen untersagt. Letztendlich erreichten die neun Mann aus Buckenhof am Montagabend um 23.30 wieder ihr Zuhause.

Fazit:
  • Nichts zu tun bekommen, unnötig viele Kilometer gefahren, lange Zeit umsonst auf Einsatzbefehle gewartet;
  • den Verzweifelten (und trotzdem hilfsbereiten) Bürgern nicht helfen können (da man uns ganz oben anscheinend nicht wollte, Anm. d. Red.);
  • einzig Positives: eine wirklich super Kameradschaft in der Feuerwehr und mit den anderen Hilfsorganisationen!

Weitere Berichte und auch Fotos zu diesem Einsatz finden sich auf den Seiten der Freiwilligen Feuerwehren Baiersdorf und Heroldsberg!

eigener Bericht - © FF Buckenhof 2002


Einsatzfotos
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Einsatzfoto #1 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #2 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #3 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #4 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #6 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #9 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #10 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #11 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #12 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #13 zu 21/02 (Thumbnail)
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Einsatzfoto #14 zu 21/02 (Thumbnail)
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Zeitungsbericht vom 19. August 2002
Helfer aus Erlangen und dem Landkreis sind nach wie vor im Hochwasser-Einsatz
"Szenario wie in einem Kriegsfilm"
Keiner weiß, wann die Freiwilligen zurückkommen - Ärzte gesucht und gefunden
Die Rettungskräfte aus Stadt und Landkreis sind weiter in den Hochwassergebieten im Osten Deutschlands im Einsatz.
Nachdem die Helfer aus Passau zurückgekommen waren, konnte das THW eine Ersatzmannschaft nach Dresden abstellen. Das technische Gerät wurde direkt von der Drei-Flüsse-Stadt an die Elbe verfrachtet. Die acht Erlanger Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks verteidigen das Dresdener Polizeipräsidium und die historische Frauenkirche gegen die Fluten der Elbe und das Grundwasser. Mit ihrem Equipment fördern sie 20.000 Liter Wasser pro Minute. Bis Redaktionsschluss konnten sie die Gebäude auch halten, obwohl die Pegel nur ganz langsam sinken.

Die Logistik stimmt
Mit von der Partie ist auch die Siemens-Werkfeuerwehr. Mit vier Elektrotauchpumpen und etwa 500 Metern Schlauch hält sie den Pegelstand in einer Verteilerstation des Dresdener Trafowerks konstant. Pro Minute werden hier 5.000 Liter abgepumpt, das ist genauso viel, wie Grundwasser nachdrückt.
Wie THW-Ortssprecher Wolfgang Allstadt mitteilte, haben die Verant- wortlichen im Katastrophengebiet die Logistik voll im Griff. Die Versorgung der Einsatzgruppen mit allem Notwendigen, sei es Benzin für die Fahrzeuge und Geräte oder auch Essen und Getränke, klappe hervorragend. Einmal pro Tag komme ein Tanklastzug der Bundeswehr vorbei und betanke alle Fahrzeuge. Sollte es den Helfern an irgendetwas mangeln, genüge ein Anruf und es werde Abhilfe geschaffen.
Die Stimmung bei seinen Leuten sei sehr gut, versichert Allstadt. Man freue sich über jeden kleinen Erfolg. Allerdings hätten die Helfer berichtet, kein Medium können vermitteln, wie schlimm die Verhältnisse seien, auch das Fernsehen nicht. Richtig ermessen könne man die Ausmaße nur, wenn man die Flut selber gesehen habe.
Foto zu Zeitungsartikel aus EN vom 19. August 2002
Auf der Ladefläche des Fahrzeuges sind die Sandsäcke zu erkennen, die das THW ins Katastrophengebiet gebracht hat. Die Gruppen der Einsatzkräfte arbeiten im fliegenden Wechsel, niemand weiß, wie lange noch.
Foto: oh
Unvorstellbar seien auch der Schlamm, der Dreck, die Fäkalien und der Gestank. Niemand könne sich vorstellen, was der Fluss alles mitbringe.
Das bestätigt auch Thomas Heideloff vom Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes. Seine Kollegen vor Ort hätten berichtet, man könne nicht beschreiben, wie es dort aussehe, wie in einem Kriegsfilm oder als hätte man mit einem 500 Meter breiten Radiergummi alles wegradiert.
Die Leute vom BRK waren hauptsächlich in Pirna tätig. Dort haben sie u.a. ein Altenheim evakuiert und die Bewohner in einer umfunktionierten Schule untergebracht.
Nach Heideloffs Erkenntnissen ist die Lage in Dresden derzeit stabil, die Flutwelle bewege sich jetzt Richtung Sachsen-Anhalt. Zu Beginn des Wochenendes seien dringend noch zehn Ärzte gesucht - und auch gefunden - worden. Seines Wissens sei eine Ärztin aus Erlangen dabei.

Anerkennung für die Helfer
Einen Einsatz dieser Größenordnung habe man beim BRK noch nicht erlebt,
meint Heideloff und zeigt sich überwältigt auch von der Hilfsbereitschaft der Bürger. Die Bereitschaft zu unterstützen sei enorm. Eine schöne Anerkennung für die Helfer sei auch gewesen, dass die Firma Beck für die erschöpften heimkehrenden Helfer spontan ein Frühstück spendierte, oder dass Burger King alle zum Essen eingeladen habe.
Auch im Landkreis gibt es zahlreiche Hilfsangebote. Die vier Feuerwehren aus Baiersdorf, Hagenau, Igelsdorf und Wellerstadt sind am Wochenende mit zahlreichen Freiwilligen und technischem Gerät zur Katastrophenhilfe nach Sachsen gestartet. Auch die Feuerwehren aus Heroldsberg, Buckenhof und Herzogenaurach sind im Hochwassereinsatz. Insgesamt starteten zwei Konvois mit insgesamt 36 Einsatzfahrzeugen aus den Landkreisen Erlangen-Höchstadt und Fürth Richtung Elbe. Die Rückkehr der Einsatzkräfte ist noch ungewiss. Niemand kann vorhersehen, wie lange die Hilfe der Ehrenamtlichen benötigt wird.

 
Christiane Benesch - EN vom Mo., 19. August 2002, Seite 1


Zeitungsbericht vom 21. August 2002
Helfer mussten sich in Dresden die Füße in den Bauch stehen
Freizeit während der Flut
Nürnberger Trupp durfte auch nicht weiter nach Magdeburg
Die 260 Hilfskräfte mit 41 Fahrzeugen, die sich am Sonntagfrüh von Nürnberg auf den Weg Richtung Dresden machten, darunter auch mehrere Teilnehmer der Wasserwacht, des Roten Kreuzes und der Freiwilligen Feuerwehr aus dem Erlanger Raum, sind wieder zurück.
Dabei hatten sie sich ihre Reise sicher anders vorgestellt. Der "gemeinsame Kraftakt" endete für einen Großteil der Helfer im Nichtstun. Das lag aber nicht daran, dass sie nicht wollten, sie durften einfach nicht.
Nach ein paar kleineren Einsätzen war bereits Schluss. Einmal Sandsäcke schleppen - das war's dann auch schon. "Wir haben schon fast um Einsätze gebettelt. Dresden hat aber immer nur gesagt, dass wir nicht benötigt werden", erinnert sich Tilmann Popp-Messerschmitt von der Freiwilligen Feuerwehr Buckenhof. "Wir mussten die Bitten der Bürger immer ablehnen, da wir natürlich nicht eigenmächtig handeln dürfen", fährt er fort. "Wir hätten viel machen können, die Einsatzleitung ließ uns aber nicht."

"Auf dem Zahnfleisch"
Dabei bewegten sich die Hamburger Kollegen "schon auf dem Zahnfleisch", weil sie seit drei Tagen nicht abgelöst worden waren. "260 Mann saßen praktisch nur herum, der helfende Faktor war gleich Null", meint Popp-Messerschmitt. "Den Kollegen von der Wasserwacht und dem Roten
Kreuz ging es genau so." Der Trupp konnte auch nicht an anderer Stelle helfen, da der Einsatzbefehl nur für Dresden galt, im nahen Magdeburg aber alle Hände voll zu tun waren. "Das Bayerische Innenministerium hat dann gesagt, wir müssten zurück." Wenigstens ein kleines Team mit zehn Fahrzeugen und 40 Leuten durfte nach Pirna weiterfahren, wo es jetzt noch immer im Einsatz ist.

Keine Zeit zum Telefonieren
Anders geht es den Mannen von der DLRG Mittelfranken. Die sind neben Pirna noch in Magdeburg im Einsatz. Seit Samstag schaffen 35 Helfer vor Ort, flicken Deiche und kümmern sich um die Versorgung sowie eine eventuelle Evakuierung. Zwei Tauchtrupps, vier Rettungsboote und sieben Einsatzfahrzeuge aus Erlangen, Nürnberg, Dechsendorf und Fürth werden gebraucht. Die Leute sind so beschäftigt, "dass ich nicht mal mit ihnen telefonieren kann", meint Stefan Schulz-Drost von der DLRG.
Er sieht die Ursachen für das Dresdener Organisations-Chaos so: "In Magdeburg bestand eine gezielte Nachfrage, während in Dresden, nach dem Ausrufen des Katastrophenalarms, erst einmal alle alarmiert wurden." So begaben sich unter anderem 600 Krankenwagen in die überflutete Stadt, die teilweise ebenso versandeten wie die 260 Hilfekräfte aus der Region.
Sebastian Dörfler - EN vom Mi., 21. August 2002


Zeitungsbericht vom 21. August 2002
Foto #1 zu Zeitungsartikel aus BILD-Nürnberg vom 21. August 2002
259 fränkische Feuerwehrler durften Flutopfern nicht helfen
Foto #2 zu Zeitungsartikel aus BILD-Nürnberg vom 21. August 2002
Fränkische Feuerwehrleute stehen sich in Dresden die Füße in den Bauch, warten vergeblich auf Einsatzbefehle
Nürnberg/Dresden - Die Bilder sind erschütternd: Wasserüberflutete, zerstörte Städte, Helfer am Rande der Erschöpfung, verzweifelte Menschen, die alles verloren haben. Soviel Leid ist über die Katastrophenregionen gekommen - und soviel Hilfe würde benötigt. Trotzdem wurde ein 259-köpfiges Feuerwehr-Hilfskommando aus Franken vom sächsischen Krisenstab heimgeschickt: "Wir haben nichts zu tun für euch..."
Hans-Peter Reißmann (38) von der Nürnberger Berufsfeuerwehr war als Gesamteinsatzleiter vor Ort. Das bayerische Innenministerium hatte ihn am letzten Mittwoch mit dem Kommando für den Hilfseinsatz betraut. Sofort ging er mit seinen Leuten an die Arbeit: Gebäude und Deiche sichern, Wasser abpumpen. Und weil's so viel zu tun gab, beorderte Reißmann am Sonntag noch einmal Verstärkung.
259 fränkische Feuerwehrleute mit 70 Einsatzfahrzeugen trafen sich deshalb am Sonntagmorgen um 6 Uhr an der Feuerwache 4 in Nürnberg. Ziel: Dresden. Befehl: Beleuchtungssysteme und Stromerzeuger bereitstellen, Wasser abpumpen, Evakuierungen.
Am Sonntagnachmittag kam das Kommando in Dresden an und wartete seitdem am Globus-Baumarkt nahe des Flughafens auf Einsatzbefehle...
Vergeblich. Während der Hilfstrupp im Radio verfolgte, wie dringend überall Hilfe nötig ist, wird er vom Sächsischen Krisenstab abgespeist: "Es gibt momentan nichts zu tun!" Stunden vergehen. Immer wieder hakt Reißmann beim Sächsischen Innenministerium und beim Krisenstab nach, kann nicht glauben, dass seine Männer zum Däumchen-Drehen verdammt sind.
Ein Feuerwehrmann (40) erzählt: "Weinende Menschen kamen auf uns zu, flehten um Hilfe. Doch wir durften nicht selbstständig eingreifen. Mussten auf die Befehle des Krisenstabs warten. Es war schrecklich. Wir wollten helfen, und durften nicht."
30 Stunden bettelte Reißmann buchstäblich um Einsatzbefehle. Nichts geschah. Montagabend um 18 Uhr brach er schließlich ab. Ein Drama folgte. Verzweifelte Bürger klammerten sich an den fränkischen Rettern fest, flehten zu bleiben.
Reißmann erschüttert: "Es ging nicht anders. Wir waren auf die Einschätzungen des Krisenstabs angewiesen, durften nicht selber handeln."
Seit gestern sind Frankens freiwillige Helfer wieder in ihrer Heimat. Ratlos und frustriert: Viele von ihnen haben ihren Urlaub unterbrochen, um Hilfe zu leisten. Opfer, die niemand wollte...
Benno Adelhardt - BILD-Nürnberg vom Mi., 21. August 2002, Seite 5


Zeitungsbericht vom 23. August 2002
Feuerwehrleute enttäuscht über verhinderte Einsätze
"Siege und Niederlagen"
Frische Mannschaften trafen auf prompt sinkende Elbe-Pegel
NÜRNBERG - Nach der Flut kommt der Frust. Manche Retter aus Franken - obgleich "immer noch schockiert von den unglaublichen Zerstörungen, die wir bisher nur aus Erdbeben- oder Überschwemmungsgebieten im Ausland kannten", wie Reinhold Attenhauser vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) sagt - sind früher zurückgekehrt als geplant. Und sie sind auch enttäuscht, viele verärgert.
Aus dem Landkreis Roth waren sie am Sonntagabend gestartet - acht Fahrzeuge und 45 Mann. Zusammen mit über 200 Männern und Frauen aus ganz Mittelfranken waren sie unter der Leitung der Nürnberger Berufsfeuerwehr nach Dresden losgefahren. Am späten Montagabend waren sie und ihre Kollegen aus dem Raum Erlangen zurück - "wir standen doch nur noch herum", ärgert sich Karl-Heinz Schalk, Kreisbrandrat im Landkreis Erlangen-Höchstadt. "Außer Spesen nichts gewesen", so sein Resümee nach einem Tag der Untätigkeit.

Mängel vor Ort
Der Kreisbrandrat spricht von offenkundigen Organisationsmängeln vor Ort. Zum Teil habe es fast Tumulte gegeben, wenn die vom Hochwasser Betroffenen sahen, dass die Retter aus dem Westen zwar bereitstanden, aber nicht zum Einsatz kamen. So in Dresden geschehen, wo die örtlichen Feuerwehren zwar froh über die Hilfe waren, die Helfer aus Franken aber auf Weisung nicht eingreifen durften. Der Nürnberger Feuerwehrmann Harald Bartsch, einer der Einsatzleiter vor Ort, will die unbestreitbaren Pannen "lieber tiefer hängen". Nach der ersten Eingreifphase habe es am Wochenende einen "Bruch" gegeben, als wegen einer erwarteten zweiten Flutwelle neue Kräfte angefordert wurden, das Wasser aber weiter sank. "Das ist natürlich frustrierend, wenn du herumstehst und, obwohl hoch motiviert, nichts machen kannst."
Großartig hingegen sei die Zusammenarbeit mit den anderen
Foto zu Zeitungsartikel aus EN vom 23. August 2002
Die Feuerwehrleute aus Nürnberg und den umliegenden Landkreisen: Bei der Abfahrt voller Tatendrang, mussten sie sich bei ihren Einsätzen stärker zurückhalten, als ihnen lieb war.
Foto: Günter Distler
Hilfsorganisationen gewesen, "und die begeisterte Ausnahme durch die Bevölkerung wird von uns keiner mehr vergessen". Dass ein solcher Großeinsatz "nicht nur Erfolge wie die Rettung wertvoller Bausubstanz, von Kunstwerken oder einer Synagoge bringt, sondern auch Niederlagen - das ist doch logisch", meint Bartsch.
Auch die Führungskräfte in anderen Organisationen müssen den Frust in den eigenen Reihen mildern. Denn auch dort gab es große Enttäuschungen, wenn stundenlang auf einen Einsatz gewartet werden musste und sich dieser dann noch als "Luftnummer" entpuppte. "Ich kann nicht 50 Fahrzeuge in eine enge Straße schicken, ohne abzuklären, ob und wie sie gefahrenfrei wieder zurückkommen", erklärt Andreas Geuther vom Leitungsstab des Bayerischen Roten Kreuzes, "schließlich mussten wir auch an die Sicherheit der eigenen Leute denken, und das hat viel Vorbereitung erfordert." Und wenn kein Einsatz zu Stande kommt, ist der Ärger da.
Die Helfer waren aber auch mit großen logistischen Problemen konfrontiert. "Die ganze Infrastruktur war weggebrochen", sagt Attenhauser. Wegen überfluteter
oder weggespülter Straßen mussten Polizei und Bundergrenzschutz die ortsunkundigen Helfer über Schleichwege ans Ziel lotsen. Telefon, Handy und Funk waren weitgehend ausgefallen. "Wir haben, wie ich das noch von meinem Großvater kenne, mit Meldern gearbeitet, die die Informationen persönlich von einem Einsatzort zum anderen brachten."

Alt und klapprig
Manchmal ist es aber auch schlicht Selbstüberschätzung gewesen. Ein BRK-Einsatz aus Forchheim endete im Fiasko, weil die Fahrzeuge so alt und klapprig waren, dass sie ihr Einsatzgebiet beinahe nicht erreicht hätten und prompt in Dresden zurückgelassen werden mussten. Und der Nürnberger Feuerwehr-Direktor Hans-Peter Reißmann berichtet von gelegentlich auch übereifrigen Feuerwehrleuten, die Keller leerpumpen wollten, obwohl sie von Baustatikern davor gewarnt wurden. Ihr Einsatz hätte - weil das Grundwasser stark nachdrückte - allem guten Hilfswillen zum Trotz die Stabilität der Häuser gefährdet.

 
Peter Millian - EN vom Fr., 23. August 2002, Seite 4



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